Asien wächst und Europa stagniert weiter – Interview mit CEO T.U. Michael Sieg

Bislang galt Europa – und hier in erster Linie Deutschland – als weltweit führende Region für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Nahezu unbekannt ist, dass in Asien inzwischen Jahr für Jahr doppelt so viel in nachhaltige Energieerzeugungskapazitäten investiert wird wie in Europa. Über die Hintergründe sprachen wir mit T.U. Michael Sieg, Chairman und CEO der ThomasLloyd Group.

Was macht den Unterschied zwischen hiesigen, sprich: europäischen Gefilden und Asien, wenn man den Marktsektor der erneuerbaren Energien betrachtet?

T.U. Michael Sieg: Die Gemeinsamkeiten beschränken sich im Wesentlichen darauf, dass die auf regenerativen Ressourcen beruhende Energieproduktion hier wie dort den weltweiten Klimaschutz weiterbringt und damit – wie Präsident Bill Clinton auf unserem letztjährigen ThomasLloyd Cleantech Kongress sehr eindrucksvoll sagte – noch die Chance eröffnet wird, unseren Planeten für unsere Kinder und Enkelkinder zu bewahren. Ansonsten finden wir in Europa und Asien grundlegend verschiedene Voraussetzungen vor – klimatisch, energiepolitisch, wirtschaftlich, aber auch vom Verständnis her. So sprechen wir hier von der „Energiewende“, ein Begriff, der in Asien weder bekannt ist, noch verstanden wird. Es geht in Asien nicht um die vom Umweltschutzgedanken und der Angst vor Atomrisiken getriebenen Abkehr von der fossilen Energieressource, sondern um die nackte Notwendigkeit, sofort mehr Energie zu produzieren. Die Welt der zwei Geschwindigkeiten fordert hier heute schon ihren Tribut. Denn während Asien in nahezu allen Belangen und Regionen dynamisch wächst, stagniert Europa und wird – wie in abgemilderter Form auch die USA – zunehmend wirtschaftlich distanziert. Mit diesem Wachstum – allein die Wirtschaft der ASEAN-Staaten soll in diesem Jahr im Schnitt um 5,2% wachsen – können die dortigen Energieerzeugungskapazitäten auf fossiler Basis nicht mehr mithalten, zumal ganz einfach auch die Rohstoffe in vielen Ländern Asiens fehlen. Es bedarf also zusätzlicher, zuverlässig verfügbarer, kostengünstiger Energie – und das idealerweise schnell. Und da sind die erneuerbaren Energien in vielen Regionen schlicht alternativlos.

Können Sie das näher erläutern?

T.U. Michael Sieg: Der Wettbewerbsvorteil der Erneuerbaren beruht – vereinfacht ausgedrückt – auf einem Fünfklang von Erfolgsfaktoren: der Verfügbarkeit der Ressourcen, einer hohen Wirtschaftlichkeit und schnellen Realisierungsmöglichkeit neuer Kraftwerke, ihrer dezentralen Einsatzfähigkeit und letztlich natürlich ihrer Nachhaltigkeit. Beginnen wir mit der Ressourcenverfügbarkeit, für die ich Ihnen drei Beispiele nennen möchte. Nehmen Sie die Solarenergie: Viele Länder Asiens liegen nahe des Äquators, kommen also in den Genuss einer Sonneneinstrahlung, die mehr als 80 Prozent über derjenigen liegt, die wir aus Deutschland kennen. Ergo bringt das baugleiche Solarpaneel Stromerträge, die jene aus Deutschland bei weitem übertreffen. Nehmen Sie die Biomasse: Viele der Länder in Asien sind traditionell landwirtschaftlich geprägt. Hier fallen sehr große Mengen von Ernteabfällen an, die den Kraftwerken, die wir aktuell bauen, als kostengünstige Ressource dient, gleichzeitig den Bauern vor Ort aber eine zusätzliche Einnahmequelle verschafft. Darüber hinaus haben viele Länder dort ein veritables Müllproblem. Hier ist das Stichwort „Waste to Energy“, also die Verstromung von Abfällen, ein sehr interessantes Thema. Und nehmen Sie zuletzt die Geothermie. Zahlreiche Länder liegen auf dem „Ring of Fire“, finden also oberflächennah heißes Wasser, das energetisch genutzt werden kann. Die Philippinen zum Beispiel sind bei der Nutzung dieser Energieart heute schon die Nummer 2 weltweit. Vielfältige, naturgegebene Ressourcen sind im Gegensatz zu Öl, Gas und Kohle also da und warten nur darauf genutzt zu werden.

Welche Erfolgsfaktoren gibt es für die erneuerbaren Energien noch?

T.U. Michael Sieg: Ich habe als zweiten wichtigen Aspekt die hohe Wirtschaftlichkeit der nachhaltigen Energiegewinnung in vielen Regionen Asiens genannt. Diese resultiert zum einen auf gegenüber europäischen Standorten zumeist günstigeren Kostenstrukturen, zum anderen auf vergleichsweise hohen, oft europäischen Maßstäben nahekommenden Strompreisen. Die hohe Sonneneinstrahlung, in deren Genuss viele Regionen Asiens kommen, tut hier im Falle der Photovoltaik ein Übriges, um attraktive Margenvorteile zu ermöglichen. Noch ein Blick auf die beiden Hauptkostenfaktoren: Ich denke, dass hierzulande jedem bewusst ist, dass in vielen Teilen Asiens die Lohnkosten oft nur einen Bruchteil des europäischen Niveaus ausmachen. Vergleichsweise wenig bekannt ist jedoch, dass auch Materialien und Bauteile für die Errichtung der Erneuerbaren-Energien-Infrastruktur zumeist günstiger zu beziehen sind als in Europa. Hierzu muss man wissen, dass viele der erforderlichen Komponenten für den Weltmarkt heutzutage in Asien gefertigt werden. Aufgrund der räumlichen Nähe fallen demzufolge die Transportkosten deutlich geringer aus als bei einer Verschiffung nach Europa. Dazu kommt noch, dass viele europäische Länder ihre Märkte abschotten und asiatische Produkte mit Importzöllen belegen – Kostenfaktoren, die wir in Asien praktisch nicht kennen. Im Ergebnis führt all das dazu – und das ist ein gewichtiger Unterschied zu vielen europäischen Projekten – dass wir Erneuerbare-Energien-Kraftwerke in vielen Regionen Asiens hochwirtschaftlich und absolut wettbewerbsfähig betreiben können. Dies ist auch der Grund dafür, dass sich zunehmend große europäische Energiekonzerne in Asien engagieren – sie schätzen einfach die vergleichsweise hohen, auf einer stabilen Nachfrage beruhenden Renditen, die sich dort erwirtschaften lassen. Ein weitere wichtiger Punkt: In Asien wird zusätzlicher Strom jetzt sofort benötigt – nicht erst in zehn Jahren oder noch später. Um jedoch schnell Kapazitäten bereitzustellen, kommt man an den erneuerbaren Energien nicht vorbei. Fossil betriebene Kraftwerke haben viel zu lange Bauzeiten, um hier wirklich weiterhelfen zu können. Wir dagegen realisieren aktuell Solarparks im Kraftwerksmaßstab binnen weniger Monate von der grünen Wiese bis zum operativen Betrieb. Und wir bauen diese genau dort, wo die Energie am dringendsten gebraucht wird, abseits der großen Wirtschaftszentren, wo oft kein funktionierendes Stromnetz existiert, wo es auch keinen Sinn machen würde, einen großen Kohlemeiler hinzubauen. Gerade hier greifen unsere dezentralen Lösungen, die keinen großflächigen Netzausbau erfordern.

Der fünfte Faktor war die Nachhaltigkeit. Das ist für Europäer auch ohne Erklärung greifbar.

T.U. Michael Sieg: Nun – wer noch nicht in Asien war, kann sich vermutlich nicht vorstellen, welches Ausmaß die Belastung der Atemluft mit Rußpartikeln annimmt, wenn allerorten Dieselaggregate lärmend ihren Dienst verrichten, um in einem Laden, einer Werkstatt oder auch in einem Privathaus Klimaanlage, Kühlschrank oder einfach nur eine Lichtquelle mit Energie versorgen. So etwas gibt es in weiten Teilen Europas bereits seit langem nicht mehr. Da gewinnt es an gesellschaftlicher Dimension, wenn wir auf Basis unseres aktuellen Portfolios allein bis 2017 weiteren 1,6 Millionen Menschen den Zugang zu nachhaltig erzeugtem Strom ermöglichen und zudem viele Tausend neue, dauerhafte Arbeitsplätze vor Ort schaffen.

ThomasLloyd hat sich in den vergangenen Jahren als der Spezialist für Erneuerbare-Energien-Infrastrukturinvestments in Asien etabliert und verfügt sowohl in Europa als auch in Asien über eine hohe Reputation. Wie haben Sie das erreicht?

T.U. Michael Sieg: Zunächst einmal sind wir der Devise gefolgt, die besagt, dass man, wenn man etwas macht, dieses zu 100% machen sollte. Sprich: Wir haben uns auf diesen Marktsektor ohne Einschränkung spezialisiert. Folgerichtig haben wir in den 12 Jahren seit Unternehmensgründung ein interdisziplinäres Team geformt, das nicht nur die inhaltliche und fachliche, sondern vor allem auch die entsprechende regionale Kompetenz mitbringt. Inzwischen umfasst es 180 Mitarbeiter aus 29 Ländern und setzt sich aus Spezialisten zusammen, die vor ihrem Engagement bei ThomasLloyd in leitenden Positionen im Bankensektor, im Bereich des Ingenieurwesens, im Bau- und Projektmanagement und im Sektor der Energieversorgung tätig waren. In Summe hat dieses Team bereits über 100 Infrastrukturprojekte in der ganzen Welt realisiert und weist im Upper Management eine durchschnittliche Branchenerfahrung von durchschnittlich 25 Jahren auf. Heute verwalten wir mit unserem von der Ratingagentur Feri ausgezeichneten Asset-Management ein Vermögen von 3 Milliarden US-Dollar. Zugleich begannen wir frühzeitig mit dem Aufbau eines Netzwerkes zu internationalen Kooperationspartnern und Kapitalgebern sowie zu maßgeblichen Regierungsstellen in den relevanten Ländern. Und wir gründeten zusätzlich zu unseren Dependancen an den bedeutendsten, globalen Finanzmarktplätzen mehrere Niederlassungen in Asien – auf den Philippinen, dazu in Kambodscha und Singapur. Gerade diese hohe Vor-Ort-Präsenz und das starke Netzwerk in der Region sichern uns den Zugang zu exklusiven Marktinformationen, um frühzeitig die lukrativsten Projekte zu identifizieren. Sie sind damit die unabdingbare Voraussetzung für einen insgesamt erfolgreich verlaufenden Investmentprozess.

Und wie sieht der Investitionsprozess bei ThomasLloyd aus? Sprich: Wie selektieren Sie den Investitionsstandort, das konkrete Projekt und wie begleiten Sie den Entstehungsprozess von der grünen Wiese zum operativen Kraftwerk?

T.U. Michael Sieg: Unser gesamter  Investitionsprozess unterliegt einer einzigen Prämisse – eine langfristig planbare und attraktive Rendite bei einem kalkulierbaren Risiko zu erzielen. Dafür sondieren und bewerten unsere Investmentspezialisten kontinuierlich einzelne Länder und Regionen Asiens. Anhand eines umfangreichen Kriterienkatalogs evaluieren sie deren Finanz- und Wirtschaftskennzahlen, Kapital- und Energiemarktstrukturen, die politische Stabilität, die allgemeine Sicherheitslage und das Rechtssystem. Zudem sind klimatische, geographische und topographische Bedingungen sowie die Verfügbarkeit und Nutzbarkeit an erneuerbaren Energieressourcen eines Landes entscheidende Kriterien. Nach Festlegung des Ziellandes erfolgt dann die Selektion des konkreten Projektes. Entscheidend dafür: eine überzeugende Rentabilitätskennziffer und große Erfahrung und nachgewiesene Qualität des Projektentwicklers. Beim Einstieg in das selektierte Projekt meiden wir aufgrund der zuvor genannten Prämisse die Risiken der Phase der Projektentwicklung. Das heißt: Wir erwerben ausschließlich vollständig entwickelte, genehmigte und baufertige Projekte direkt vom lokalen Projektentwickler. Im zweiten Schritt optimieren wir das Projekt hinsichtlich eines maximalen Wiederverkaufswerts, bevor wir die Aufträge für den Bau, den späteren Betrieb und die Wartung des Kraftwerks vergeben. Im Anschluss finanzieren wir die Realisierung der Kraftwerke, koordinieren und überwachen deren Errichtung vor Ort mit eigenen und extern mandatierten Spezialisten. Im letzten Schritt wird das fertiggestellte Kraftwerk nach Aufnahme des kommerziellen Betriebs – einzeln oder im Rahmen eines Portfolios – an einen langfristig orientierten Investor oder Energieversorger verkauft.Die Ratingagentur Telos hat den Investmentprozess des ThomasLloyd SICAV-SIF-Cleantech Infrastructure Fund erst kürzlich mit der Note AAA- bewertet und bescheinigt ihm damit den „höchsten Qualitätsstandard“.

Damit kommen wir zu Ihren konkreten Projekten: Schildern Sie uns doch einmal die aktuelle Zusammensetzung Ihres Portfolios.

T.U. Michael Sieg: Unser aktuelles Portfolio umfasst derzeit 14 Solar- und Biomassekraftwerke mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von rund 750 Millionen US-Dollar. Darunter befinden sich die zwei ersten operativen Solarkraftwerke auf den Philippinen, die seit dem vergangenen Jahr deutlich über Plan Strom produzieren. Die Benchmark-Stellung dieser Kraftwerke wird auch dadurch verdeutlicht, dass diese durch den philippinischen Staatspräsidenten Benigno Aquino persönlich offiziell in Betrieb genommen wurden. Die übrigen Kraftwerke sind aktuell im Bau oder stehen kurz vor Baubeginn und werden plangemäß in diesem und den beiden Folgejahren ans Netz gehen. In Summe werden wir damit über 1,6 Millionen Menschen mit nachhaltig erzeugtem Strom versorgen. Dieses Portfolio bauen wir sukzessive weiter aus und schaffen damit die Grundlage für die Entwicklung und weiteres Wachstum in der Region. Unsere Aktivitäten finden mittlerweile weltweite Beachtung, wie zahlreiche Preise für unsere Projekte zeigen. Awards der Weltbank-Tochter IFC, von Frost & Sullivan, die Ernennung unseres Solarparks SaCaSol I zum „Asian Solar Project of the Year“ und auch die Auszeichnung als „Green Company of the Year“ für unsere in Asien ansässige Solarholding unterstreichen das. Und nicht zuletzt die erste Finanzierung einer philippinischen Großbank für ein Solarkraftwerk überhaupt, die an ThomasLloyd ging, spricht Bände darüber, welche Wertschätzung unsere Projekte in der Region genießen. Sie sehen: Während hierzulande die Erwirtschaftung attraktiver Renditen für unsere Investoren im Vordergrund steht, wird in Asien eben auch klar der gesellschaftliche Wert unsere Projekte gesehen.

Herr Sieg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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